Verlag Blaues Schloss Marburg

Das blaue Schloss

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Kleines Lexikon intimer Städte

Jurij Andruchowytsch

So, 19. März, 11 Uhr, Café Vetter

Manchmal denke ich, im gegenwärtigen Westen gibt es nichts Literarisches, weil hier die Autoren und Leser zu viel zu essen haben. Die dauerhafte Sattheit ist der größte Feind des Jagens, denn sie zerstört, oder ganz wörtlich genommen, frisst die Voraussetzung zu einer erfolgreichen Jagd auf. So ist Wohlstand gleichzeitig auch der Totengräber des Wohlstandes.

Im Osten hingegen hört man nicht nur ein literarisches Knurren der Mägen, sondern man hört den Klang der Worte wie das tiefe Tönen der Goldadern im Erdreich der Entbehrungen und hört gleichzeitig die Treffsicherheit einer Kalaschnikow.

Diese Autoren und diese Leser wissen nämlich wovon sie reden. Nur der Jäger im tiefen Schnee weiß, welche Eisblumen ihm blühen, wenn die Jagd nicht erfolgreich ist. Manchmal denke ich, ist eben das Pauschale das Original und das Vorurteil die gute Menschenkenntnis. Das Vorurteil kommt zumeist nach der Erfahrung. All das haben wir im Westen, besonders in Deutschland, nicht mehr, und deshalb werden wir bald auch nichts mehr haben. Der fett gewordene Jäger wird zum Gejagten.

Aber wo beginnt eigentlich der Westen? In dem Moment, wo ich mich nach Westen drehe? Und der Osten, in dem Moment, wo ich mich zum Osten hinwende? Genaugenommen ist es so. Oder der Norden, wo fängt der eigentlich an? Oder der Süden?

Dazu hatte der Autor Jurij Andruchowytsch Erhellendes zu berichten: In Lemberg, so trug er aus seinem Buch Kleines Lexikon intimer Städte vor, habe man das Problem insoweit gelöst, das sich die einstigen Erbauer genau an jene Stelle niedergelassen hatten, entlang einer Linie, von der aus zum Norden hin alle Wasser zum Norden flossen und zum Süden alles Wasser zum Süden. Auf diesem Stuhl sitzend, genau zwischen den Meeren, war der Lemberger ihnen insoweit gleichermaßen nahe, dass die beiden Meere, die Ostsee im Norden und das Schwarze Meer im Süden, gleich weit entfernt waren. In diesem Sinn jedenfalls berichtete Andruchowytsch von der ersten Stadt, zu der er dem Publikum aus seinem Stadtalbum etwas vorlas.

Andruchowytschs Alphabet der Städte begann aber mit A wie Aarau und endete mit Z wie Zug. Beides Orte in der Schweiz nur gut sechzig Kilometer auseinander. An der Kürze dieser Weltreise war das lateinische Alphabet schuld. Das ukrainische hingegen, dieses von A bis Я bot ganz andere Möglichkeiten.

War den Lembergern immerhin die gleiche Nähe zu den Meeren gelungen, so war es gleichzeitig eine recht ungelungene Hafenstadt. Und in Ermangelung – eben verursacht durch die Liebe zur Gleichheit – einer Küste und einer großen Mündung, fehlten auch „Aquatorium, Kais, Güter- und Passagierdocks, Kräne, Kähne und 24-Stunden-Spelunken.“

Diese Not machte erfinderisch. Deshalb so viele Delphine an den Häuserwänden. Wenn schon nicht ein kühles Nass am Körper und in der Kehle, dann wenigstens ein fotografisches Meer von kühl glitschigen Delphinen. Wer aber nun meint, Lemberg sei keine Hafenstadt, der hat die Alantikaale im unterirdischen Fluss der Kanalisation vergessen. Und diese Aale aus Sargossa haben noch ganz den Ozean im Blut und im Ohr. Sie sind die wahren Seeleute, die wahren Ulyssesgestalten und weisen den überirdisch im Trocknen Dümpelnden den Weg zum Meer.

So auch das folgende Gedicht von Jurij Andruchowytsch:

Es klingt ganz wahscheinlich –
die Lemberger Oper wurde erbaut
direkt über dem frisch zugeschütteten Fluss,
in gewisser Weise
kann man sie als gewaltigen Flussgrabstein bezeichnen,
oder sogar als Mausoleum.
Dann aber müssten
die feinfühligsten unter den Musikern
im Orchestergraben auch hören
(dafür haben sie das Gehör)
Wie die Aale in der erstickenden Finsternis der Röhren
sie mit Zittern und Summen erfüllend
fast stöhnend
in die einzig mögliche atlantische Richtung drängen.
Man weiß, dass Aale
sogar in Kanalröhren überleben können,
womit sie den Bürgern der Stadt
nicht nur Hoffnung,
sondern auch Bespiel geben.

Da wir schon beim Aroma der Kanalröhren waren, schloss der Autor an das ganz besondere Aroma des Wortes „Odessa“ an.

Odessa 1994. Ganz besonders für die, die nie dort waren. Wo man nicht war, darüber hat man gut reden. Ein recht doppelbödiger Satz. Wie auch diese Sätze: „ Odessa kennt man in der ganzen Welt. Vielmehr kennt man es nicht, obwohl man es kennt. Am korrektesten wäre also zu sagen, dass man Odessa nicht kennt, das aber in der der ganzen Welt.“
Wie schimmern in dieser Argumentation noch die letzten Anklänge von Radio Eriwan und auch materialistische Dialektik. Recht unmaterialistisch hingegen des Protagonisten Sonnenstich in den Sommerferien, in denen es, trotz Pflaum auf der Oberlippe, keinen wahnsinnigen Sex gab: dafür aber jener heiße Speer ganz unerwartet von oben, − der ihn senkrecht durchdrang, und er danach plötzlich ein Dichter war.

Trefflich treffend getroffen. Die Länge dem Speer, aber ich muss mich kurz halten. So springe ich mit dem Autor zur letzten Geschichte, und somit auf den Zug in die Schweizer Berge nach Zug. Meine Ahnung, dass fest emporragend Horizontales Verwandtschaft mit Mauern und Wänden habe, bestätigte sich sogleich, und auch, dass Horizontales den Anfang vom Ende recht nahelegen kann. Nimmt die Horizontale sogar vierfachen Umfang an, dann ist man entweder in den Schweizer Bergen oder in einer Gefängniszelle. Die Freiheit des Gipfels ist nur wenigen vorbehalten. Aber die schicken hin und wieder freundlich mosaische Botschafter in die Tiefe des Tales hinab, obwohl eigentlich die Ebene, die Vertikale, der Freiheit erst seine ganze Weite entfaltet.


Bleiben wir beim Optimismus. Die drei Meter hohe Betonmauer des Gefängnisses von Zug kann man problemlos als eine nach oben verirrte Vertikale auffassen. So auch die Unfreiheit. Der Gefängnisdirektor zudem, sah die Manifestation des Horizontalen durch und durch positiv. Und begründete das sogleich sanftmütig und wohlwollend: Denn, „Die Menschen sind hier genauso unglücklich.“ – Wie draußen meinte er wohl. – – – Macht selbst die Vertikale nicht glücklich? Diese Frage wollen wir unserem Optimismus lieber nicht erlauben. Optimismus verlangt grundsätzlich gewisse Frageverbote zum Schutz des Optimismus.

Zum Abschied schenkte der Gefängnisdirektor, als der wahre Hüter der Freiheit, dem Protagonisten einen Pepperstein-Bildband mit den Gefängnisarbeiten. „Hier stehen viele Gedanken über die Freiheit und die Unfreiheit drin. Es wird Ihnen gefallen“, sagte er.

Städtebilder:
1. Lestat (Jan Mehlich) put it under GFDL and Creative Commons Attribution ShareAlike 2.5
2. Odessa Opera and Ballet Theatre.Wikipedia
Одесский театр оперы и балета
Одеський театр опери та балету
3. Panorama of Historical Zug, Tim Dellmann. Wikipedia


Zum Buch:

Jurij Andruchowytsch
Kleines Lexikon intimer Städte
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Insel Verlag; Auflage: 1 (11. September 2016)
Originaltitel: Keksykon intymnych mist
ISBN: 978-3458176794
24,00 €

Juri Andruchowytsch, »der poetische Landvermesser« (FAZ) aus der Unruhezone Ukraine, hat viel Zeit investiert, um sich mit fremden Städten anzufreunden, die ihm Schutz und Ruhe gewähren sollten. In manchen ist er eine Weile hängengeblieben. Andere wurden zu Lebensstationen: »München beginnt gleich hinter Moskau, das Alphabet harmoniert mit der Zeit« – denn München war die erste deutsche Stadt, die der junge Autor aus der untergehenden Sowjetunion besuchte, um ganz in der Nähe, am Starnberger See, seine Moscoviada zu schreiben.

Diamantenläden statt Zimtläden – eine Gasse in Antwerpen, chimärisch, als wäre sie von Bruno Schulz erfunden. Soziologie der Straßenmusik in Berlin. Mit Andrzej Stasiuk im hundertgeschossigen InterContinental in Bukarest. Zu Besuch im tragischen Museum in Charkiw. Unterwegs durch verlassene Gärten in Detroit. Novi Sad. Odessa. Paris. Prag. Stuttgart. Toronto. Ushgorod. Venedig. Ein Alphabet der 44 Städte auf drei Kontinenten.

In diesem originellen Reisebrevier verquickt Andruchowytsch Herzensgeschichten mit politischer Polemik, Klischee mit Epiphanie, die Anekdote mit Romanentwürfen. Doch wie dieser Stadtnomade seinen Blick schult, um im unscheinbaren Detail ein Gefühl für das große Ganze zu entwickeln, macht Lust darauf, es ihm gleichzutun.

(Covertext-Inselverlag)

 


 

Heimo Schwilk

Luther. Der Zorn Gottes.

So, 5. März, 11 Uhr, Café Vetter

Heimo Schwilk schlüpft in den Kopf von Luther. Nicht nur zu Lebzeiten Luthers ein riskantes Unterfangen. Denn Martin hat es nicht leicht. Aber leicht hat es ihn. Selbst beim allgemein beliebten Unterhaltungsspiel Who is Who? gerät‘s ihm leicht ins Diabolische. Da kann er schnell im Weihrauchduft den Schwefel riechen. Und langsam fragt sich der Zuhörer, ob Martin nun ein Gottessucher oder ein Gottesflüchtiger sei? Denn wer sucht schon sein Unglück? Zumal die Suche nach der Liebe Gottes Martin immer wieder dessen Zorn finden lässt. Hält zum Beispiel ein Mann auf der Straße ein Schild hoch, auf dem groß und breit steht „Hier ist mein Liebesangebot!“ und droht und schreit und stampft dabei die ganze Zeit und klagt dann, dass keiner ihn so recht lieb hat und sein großzügiges Angebot annehmen möchte, dann wird man die Schuld kaum bei den Passanten suchen. Martin ist nicht so. Zwar ist er auch ein Pilger auf Erden also ein vormoderner Passant, aber er sucht die Schuld bei sich selbst. Passanten hingegen suchen in der Regel etwas anderes.

„Für Luther“, so der Wortlaut des vorgestellten Buches Luther - Der Zorn Gottes, „war der Zorn Gottes über den sündhaften, von ihm abgefallenen Menschen eine unumstößliche Realität. Gott erlöst nicht nur, er verdammt auch. Die Vorstellung eines zürnenden Gottes war ihm mindestens so selbstverständlich wie das Liebes- und Erlösungsangebot Christi.“

Da konnte Martin bei so viel Zorn einfach nur zornig werden. Aber nicht über Gott sondern den Geldgeschäften der Kirche mit dem Zorn: „Genug! Jetzt ist es genug!“, können wir hören oder lesen: „Der Punkt ist erreicht, an dem er einschreiten muss!“ Und Heimo immer noch im Kopfe Martins verlässt mit „Bruder Martin die Stadtkirche St. Marien in Wittenberg mit festem Schritt. Martin will ein öffentliches Zeichen setzen, dem unwürdigen Treiben ein Ende machen. Und Heimo ist dabei. Was Martin eben in seinem Gotteshaus von einem seiner Beichtkinder gehört hat, bestätigt alle seine Befürchtungen. Seine seelsorgerliche Verantwortung ist in Gefahr und damit das Heil der ihm anvertrauten Schäfchen. Ein Wittenberger verlangte von ihm die Absolution, denn er hatte sich tags zuvor mithilfe eines Ablasses von der Sünde der Blutschande freigekauft.“

Ja, so eine intensiv-innere Beschäftigung mit Martin hinterlässt Spuren, die der Autor Schwilk weiter aufzeichnet: „Ein so ungeheuer dichtes, vorwärtsstürmendes Leben, das sich durch keinen Widerstand beirren lässt, wirft die Frage auf: Wäre diese Unbeugsamkeit auch heute noch möglich? Wie groß war der Konformitätsdruck damals, und wie stark ist er heute? Das Aufbegehren eines einzelnen Mannes gegen fast jede Autorität, gegen die Familie, die Schule, die Universität, die Theologie und Kirche seiner Zeit, gegen Kaiser und Reich hat etwas Singuläres. Der Vergleich mit der Gegenwart ernüchtert, denn das, was Luther zu dieser Größe befähigte, der unbändige Widerspruchsgeist, hat heute so hohe Konjunktur, dass er zur herrschenden Doktrin geworden ist. Je mehr man dagegen ist, umso stärker gehört man dazu. Der Zeitgeist korrumpiert auf eine so subtile Weise, dass jeder echte Widerstand ins Leere läuft und verpufft. Keine These könnte so abseitig sein, dass sie sich nicht sofort vermarkten ließe oder zu Ehren der Podien erhoben würde.“

Auf die selbstgestellte Frage: „Was das für den Luther-Biografen heißt?“, findet Heimo Schwilk den Bezug zur gegenwärtigen Situation unseres helden- und himmellosen Zeitalters: „Er befasst sich eigentlich mit einer ausgestorbenen Spezies. Auf der freien Wildbahn wird man ihr nicht mehr begegnen. Der Mann aus Wittenberg hat etwas Paläontologisches, aber dafür umso Faszinierendes.“ Und Faszination reißt schnell zum Wünschen hin: „Je mehr man sich mit der Ausnahmegestalt Martin Luthers beschäftigt, umso mehr wünscht man sich, dass die Mauern,. gegen die er als junger Mensch anrennen musste, vor den heutigen Jungen nicht wie Gummiwände zurückweichen. Es geht mir um die Heimholung einer großartigen, zugleich aber auch unheimlichen Persönlichkeit. Was Luther antrieb, war der Furor des Gottsuchers. Es ging von Anfang an nur um sein Seelenheil, nicht um eine Wellness der Seele, sondern um die Rettung vor der ewigen Verdammnis!“

Im Direktvergleich Luther versus modern-autonomer Einzelkämpfer zieht nach Heimo Schwilk Luther die überzeugendere Karte.
„Luther war kein Rebell. Er taugt nicht als Vorbild für Greenpeace oder die Occupy Bewegung. Er verabscheute den Aufruhr. Bei aller religiösen Leidenschaft wir er stets loyal gegenüber der staatlichen Obrigkeit. Er war kein Umstürzler wie Savonarola oder Thomas Müntzer, kein Revolutionär, obwohl er durchaus revolutionär gewirkt hat. Gottesbindung und Obrigkeitstreue waren die Säulen, auf denen sein Lebenswerk ruhte. Luther führte einen konsequent geistigen Kampf. Nur das Wort, nicht die Gewalt ändert die Welt, war sein Credo.“

Mag‘s im Zeitenwetter tatsächlich noch nicht stürmen und tosen, so ist das vorgestellte Buch Luther - Der Zorn Gottes zumindest auf dem Papier ein luftreinigender theologischer Sturzregen, die das allgegenwärtige „Gott hat dich so lieb!“, „Keiner ist böse!“, „Luther! Ein ganz toller, knuffeliger Familienvater!“ wegspült für ein tiefergehendes und klareres Verständnis von Gott und seinem Reformator.“

 

Zum Buch:

Heimo Schwilk
Luther
Der Zorn Gottes

Gebundene Ausgabe: 464 Seiten
Karl Blessing Verlag (13. März 2017)
ISBN: 978-3896675224
Preis: 24,90

 

Heimo Schwilk, der sich mit seinen großen Porträts von Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke einen Namen als Biograf gemacht hat, vergegenwärtigt die Lebensgeschichte Martin Luthers auf eine bisher so nicht zu lesende Weise.

Psychologisch einfühlsam und vertraut mit der von radikalen Umbrüchen bestimmten Epoche des ausgehenden Mittelalters, zeichnet er ein Bild jenes Mannes, der mit seiner Neukonzeption der Theologie das kirchliche Leben, aber auch die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit revolutionierte – mit Wirkungen bis in die unmittelbare Gegenwart.

Heimo Schwilk macht die scheinbar weit in die Ferne gerückte Gestalt des Reformators lebendig und stellt sich quer zur verharmlosenden Aktualisierung des Reformators, der keineswegs als „Modernisierer“ zu vereinnahmen ist. Luther war kein Anwalt der Selbstbestimmung, der Autonomie des Einzelnen, seiner unbeschränkten Emanzipation und Mündigkeit.

Diese Biografie provoziert und eröffnet einen neuen, frischen Blick auf den „Genius der Deutschen“, der als Bibelübersetzer und Sprachschöpfer erreichte, dass die Grundfragen des Glaubens erstmals in Deutschland von einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert werden konnten.

Heimo Schwilk, geboren 1952 in Stuttgart, war lange Jahre Leitender Redakteur der „Welt am Sonntag“ in Berlin. (Verlagsangabe).


 

 




Wie aufgeklärt ist die Vernunft der Aufklärung?

Eine Kritik aus aristotelischer Sicht.

Professor Dr. Arbogast Schmitt

So, 19. Februar, 11 Uhr, Café Vetter

 

Arbogast Schmitt beginnt seine Kritik an der Vernunft der Aufklärung aus aristotelischer Sicht vorsichtshalber damit, voranzustellen, keinen Vortrag gegen die Aufklärung zu halten.

Die Kritik der Aufklärung an Aristoteles hingegen war weniger vorsichtig, wenn sie mit den Worten des französischen Aufklärers Fontenelle deklarierte: „Die Herrschaft der Worte und Begriffe ist vorbei, man will zu den Dingen selbst… Die Autorität hat aufgehört, ein größeres Gewicht zu haben als die Vernunft.“ Die neue Philosophie stütze sich auf Mathematik und Experimente und lehne jede Autorität ab, sofern sie nicht auf Vernunft und Erfahrung gegründet ist.

Diese radikale Abkehr von Aristoteles transportierte, wie Arbogast Schmitt, erläuterte, unvermerkt mehr Metaphysik weiter, als den Aufklärern bewusst war. Denn 'die Wende zum Ding' stattete die sinnlich gegebenen Einzeldinge mit eben den Eigenschaften aus, die im 'aristotelischen' Mittelalter die von Gott kommenden Prinzipien des 'Seins' gewährleisten sollten. Der einzelne Mensch, die einzelne Katze sollte nun wahrhaft Mensch (vere homo), wahrhaft Katze sein. Die einzelnen Dinge galten nun als 'wohlbestimmt'.Das habe zu einem ganz besonderen Vernunftbegriff geführt: als Aufgabe des Denkens erschien es nun, die sinnlichen Einzeldinge möglichst genau im Denken wieder zu rekonstruieren und sie so in einem klaren und deutlichen Bewusstsein zu repräsentieren.

Zu diesen Aufgabenstellungen hatte, wie schon 'Aristoteliker' der Renaissance feststellten, Aristoteles selbst offenbar nichts gesagt. Er hatte daher, so schien es, noch keinen Begriff von den eigenen Aktivitäten der Vernunft.

Ein genauerer Rückblick auf Aristoteles kann allerdings, so Schmitt, klarmachen, dass er diese Abhängigkeit des Denkens von den Einzeldingen für unkritisch gehalten hätte. Wenn man etwas erkennen will, dann will man, das ist sein Prinzip, auch genau ein bestimmtes einzelnes Etwas erkennen. Aber ist der Mensch, so, wie man ihn vor sich hat, tatsächlich genau und nur Mensch? Aristoteles verdeutlicht das Problem, mit dem man beim Erkennen konfrontiert ist, an einem einfacheren Beispiel: Ein Kreis, auf den man hinzeigen kann, ist immer ein Kreis aus Kreide, Sand, Holz, Erz. Er hat also Eigenschaften des Kreis-seins und (z.B.) des Holz-seins an sich. Wer meint, an dem seinen Sinnen vorliegenden Kreis könne er sich einen Begriff von ihm bilden, bildet fast zwingend einen konfusen Begriff, in dem Merkmale vom Holz und vom Kreis undifferenziert miteinander vermischt sind.

Also ist die Aufgabe des Denkens nicht einfach die Vergegenwärtigung des ganzen Gegenstands 'Kreis', sondern die 'analytische' Ermittlung von dem, was tatsächlich nur zum Kreis-sein an diesem Gegenstand gehört. Für den Weg, wie man das ermittelt, hat Aristoteles eine hoch komplexe und differenzierte Methode ausgebildet. Sein Vernunftbegriff stützt sich daher nicht auf das Bewusstsein von etwas, sondern ist eine Philosophie des Unterscheidens. Wer die Kriterien des Unterscheidens kennt und mit Wissen anwendet, der verfügt über eine aufgeklärte Vernunft.

Diese Unterscheidungskriterien wendet man schon bei den einfachsten Wahrnehmungen an. Schmitt demonstrierte, dass man nicht einmal ein 'a' hören kann, wenn man nicht Anfang, Dauer, Ende, Gleichheit des Tons, seine Kontinuität und vieles mehr unterscheidet, auch wenn man dies nicht 'bewusst' tut.So stehen sich also nach Schmitt Denken als bewusste Repräsentation sinnlich gegebener Dinge in der Aufklärung und Denken als ein aktives Unterscheiden bei Aristoteles gegenüber. Das eine ist ein Nach-Denken über etwas, was man schon irgendwie ‚empfangen‘ hat (durch die Sinne, Gefühl, Intuition), das andere stellt dieses scheinbar Empfangene für uns erst her und macht es dem Nachdenken zugänglich.

Einen besonderen Vorzug des aristotelischen Vernunftbegriffs sieht Schmitt darin, dass bei Aristoteles nicht Vernunft und Sinnlichkeit, Verstand und Gefühl auseinanderfallen. Alle Akte des Menschen sind vom einfachsten Wahrnehmen an Unterscheidungsakte. Sie sind von sich aus mit Lust oder Unlust verbunden. Man kann die Geruchsnuancen eines Weins mit der Wahrnehmung unterscheiden und wird eben dadurch Lust oder Unlust empfinden. Sich diese Nuancen bewusst zu machen, hat dagegen keine emotionale Wirkung. Es ist eben das Hinterher-denken etwas Anderes als die direkte aktive Zuwendung zu etwas Erkennbaren.


Buchhinweise

 

Reihe Uni im Café 3
Schmitt, Arbogast
Homer und wir
Kartoniert, 44 Seiten
ISBN 978-3-943556-13-1
Preis: 7,95 Euro

Homer konfrontiert die Leser einer aufgeklärten Gesellschaft mit einem merkwürdig gemischten Befund: Man findet viel Vertrautes, daneben aber Vieles, mit dem man sich in keiner Weise mehr identifizieren kann. Eine genauere Beschäftigung mit ihm kann aber zeigen, dass ausgerechnet das für uns Fremde auf guten Beobachtungen und einem psychologisch erstaunlich differenzierten Verständnis des Menschen beruht.
In einer Welt, in der die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und Religionen zu einer hoch relevanten Aufgabe geworden ist, kann Homer eine gute Einübung in diese Aufgabe bieten.


Wie aufgeklärt ist die Vernunft der Aufklärung?:
Eine Kritik aus aristotelischer Sicht

(Studien zu Literatur und Erkenntnis)
Gebundene Ausgabe – 1. März 2016
von Arbogast Schmitt

Universitätsverlag Winter GmbH Heidelberg
Auflage: 1 (1. März 2016)
978-3825364618
472 Seiten
42,00 €

 

 

 

 

Buchbeschreibung (Universitätsverlag Winter GmbH Heidelberg):

In der Auseinandersetzung um das Verhältnis der westlichen Moderne zu anderen Kulturen, Gesellschaften, Religionen spielt die Berufung auf die Aufklärung eine wichtige, vielleicht die wichtigste Rolle. Die Befreiung von der Bevormundung durch religiöse und politisch-gesellschaftliche Autoritäten durch die Entdeckung der Selbstständigkeit der jedem zur Verfügung stehenden eigenen Vernunft gilt vielen als ein erreichtes kulturelles Niveau, das nicht mehr unterschritten werden dürfe. Diese Unterscheidung zwischen einem Zustand der Aufgeklärtheit und einem des Nicht-aufgeklärt-Seins brachte und bringt allerdings viele Verständnisschwierigkeiten zwischen den so getrennten Seiten mit sich.

Die Vernunft der Aufklärung kann aber auch nicht einfach als die Vernunft überhaupt verstanden werden, die die westliche Moderne von allen früheren Epochen und allem gegenwärtig Fremden unterscheidet. Auch diese Vernunft hat ihre historischen Bedingungen und ihre Grenzen. Es gab auch in anderen Zeiten und Regionen ein Nachdenken über die Vernunft ‚selbst‘ und ihr Können.

Das Anliegen, dem sich dieses Buch stellt, ist, am Beispiel von Aristoteles zu belegen, dass es sich lohnt, auch scheinbar ‚überwundene‘ Konzepte als Partner einer verbindlichen Diskussion zu betrachten. Allein die (über 1500 Jahre) außergewöhnlich lange und außergewöhnlich elastische Vermittlungs- und Verständnisleistung, die zwischen den Kulturen (auch zwischen Orient und Okzident) durch Aristoteles möglich geworden war, macht eine Auseinandersetzung, die nicht nur Vergangenes beschreibt, sondern es in seinem Anspruch ernst nimmt, attraktiv – auch als Beitrag zur Lösung von Verständigungsproblemen, denen wir uns heute stellen müssen.


 


Edgar Allan Poe

Lesung und Vortrag

So, 29. Januar, 11 Uhr, Café Vetter
Stefan Gille und Professor Dr. Wolfgang Müller


Eingangs – das wörtlich genommen – also als Eingang las der durch die "Hörtheatrale" bekannte Schauspieler Stefan Gille die Erzählung "Die Wassergrube und das Pendel". Hautnah, mitten aus der schwarzen Gruft der spanischen Inquisition, illuminierte der Protagonist seine Ängste und Pein mittels akribisch schrecklich-nüchterner Erzählkunst. Die heißen Flämmchen der aufleuchtenden Qualen senkten sich hinab auf die Haut der Zuhörerschaft.
Infolge dessen war das Publikum – das mitgehört und somit mitgefangen war - recht brennend an den Ausführungen von Professor Wolfgang Müller aus Wiesbaden interessiert, wie denn Edgar Allan Poe, ein faszinierender amerikanischer Dichter des 19. Jahrhunderts, seine Leser über die Zeiten hinweg so in seinen Bann ziehen konnte und wie denn ein Mensch derartig bizarre Geschichten erzählen und obsessive und gestörte Seelen darstellen konnte wie er.

Die Frage nach der Biographie, so der Anglist, der zudem Shakespeare Spezialist ist, sei zwar wichtig und aufschlussreich, sie könne aber die Besonderheit der Werke, die das Ergebnis künstlerischen Wollens und künstlerischer Visionen sind, nicht erklären. Aufgrund seiner zahlreichen Innovationen besitze Poes relativ schmales Werk weltliterarischen Rang. Er habe mit der Detektivgeschichte, der Schauererzählung, der Science-Fiction und einer suggestiven, klangbetonten Lyrik neue Gattungen und Formen geschaffen, die in die ganze Welt gewirkt haben.

Der Vortrag zeigte die polare Spannung seiner Texte zwischen intensivster Emotionalität und kühlster Rationalität. Keiner hat die Abgründe der Seele von Verbrechern, Opfern und Psychopathen tiefer ausgelotet und Emotionen wie Angst, Grauen, Rache, Trauer intensiver dargestellt. Hinzu kommt das ins Bizarre gesteigerte Interesse an parapsychologischen und okkultistischen Phänomenen.

Poe war Amerikaner, aber imaginär in der ganzen Welt zu Hause. Seine Detektiverzählungen handeln in Paris, sein Flaneurgeschichte „Der Mann in der Menge“ in London, Erzählungen von Rache und Tod in Italien und Spanien. “Ligeia“ mit der Thematik der Verdoppelung der Frau knüpft an die Rheinromantik an. Poe hat auch bedeutende literaturkritische Essays geschrieben.

Reihe Uni im Café 8
Müller, Wolfgang, G.
Detektiv, Flaneur, Dandy
drei mythische Figuren
der Stadtkultur des
19. Jahrhunderts
und ihre Aktualität
Kartoniert, 54 Seiten,
4 Farbabbildungen
ISBN 978-3-943556-29-2
Preis: 8,50 €

 





Reihe Uni im Café 12
Müller, Wolfgang, G.
Lachen und/oder Weinen
Die Beziehung von Komödie und Tragödie bei Shakespeare
Kartoniert, 75 Seiten,
1 Farbabbildung,
2 s/w Abbildungen
ISBN 978-3-943556-44-5
Preis: 8,50 €