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Friedrich der Große und die Antike

Gregor Vogt-Spira

Sonntag, 10. Juni 2018, 11 Uhr, Café Vetter, Marburg

 

 

Einführung durch Ludwig Legge

Nach der Begrüßung stellte Legge Professor Gregor Vogt Spira vor: Er stammt aus Ettenheim in der Nähe von Freiburg, wo er Latein, Griechisch, Philosophie und auch Mathematik studiert hat, dann sein Staatexamen gemacht hat, promoviert worden ist und sich habilitiert hat. Nach einem dreijährigen Schlenker nach Konstanz kehrte er als wissenschaftlicher Assistent nach Freiburg zurück. 1994 wurde er auf die Gründungsprofessur nach Greifswald berufen, und in Marburg nahm er 2006 die Professur an. Er ist der Nach-Nach-Nachfolger von Walter Wimmel. Von Gregor Vogt Spira stammen über hundert Arbeiten zum Thema Antike und ihrer Rezeption, vor allem zu antiken und humanistischen Poetikkonzepten sowie zur Literaturgeschichtsschreibung. So die Einführung durch Ludwig Legge.

 

Sicher gehört Friedrich II nicht zu den Leichtgewichten deutscher bzw. europäischer Persönlichkeiten. Dafür sind seine Ambivalenzen im Charakter und in seinen Handlungen, seine anziehenden und abstoßenden Seiten, zu unauflösbar. Trotz einer orchestralen Dichte von Informationen führte Professor Vogt Spira seine Hörer sehr klar und zielsicher durch das sans-soucissche Labyrinth einer ins Große gestoßenen oder wörtlicher geprügelten Persönlichkeit, - die dem zum Trotz, ein unersättlicher Esprit und Freiheitsdrang vergönnt geblieben war. Eine beindruckende Entwicklung, die eine schlichte Resonanz erschwert, in der ich diesen Fundus unter dem preußischen Kolosseum zum großen Teil mit Vogt Spiras Worten zu extrahieren versuche.

 

 

 

 

Der Vortrag

"Guten Morgen, meine Damen und Herren, und zunächst einmal ein ganz herzlicher Dank an Herrn Legge, für die liebenswürdige Einführung und für die Einladung in ihren Kreis und in dieser altehrwürdigen Institution der Uni im Café an einem schönen Sonntagmorgen. Ich werde über Friedrich II. sprechen", so begann Vogt Spira einleitend seinen Vorrag.

"Friedrich, genannt, der Große, der Intellektuelle auf dem Thron, der sich selbst Roi Philosophe nannte, befasste sich sein ganzes Leben lang mit ungewöhnlicher Intensität mit der griechisch-römischen Antike. Doch da Friedrich Französisch sprach und schrieb in dezidierter Abgrenzung gegen das Deutsche , sich zudem an der französischen Aufklärung orientierte und im engsten Kontakt mit ihren Vertreten stand, beherrschte der kulturelle Bezug auf Frankreich sein Bild. Demgegenüber tritt die Antike in den Hintergrund und findet nicht die Aufmerksamkeit, die ihr von der Quellenlage her gebührte.

"Denn", so erläuterte Vogt Spira "im 18. Jahrhundert lieferte die griechisch-römische Antike über alle Einzelkulturen hinweg einen genuinen Bezugsraum des Denkens, Redens und Handelns. […] Wir müssen also von einer Präsenz der Antike nach der Antike ausgehen, die einen gegeben Diskursraum darstellt. Und zwar einen Diskursraum, der Gemeingut der europäischen Nationen ist.“

Auf Friedrich bezogen: "Antike Rezeption stellt am Preußischen Hof ein traditionelles Element dar, und Friedrich folgt, wenn er sich auf die Antike bezieht, zunächst einmal herrschaftlicher Konvention. […] Aber nicht materelle sondern die literarische Kultur, die Autoren der Antike sind für ihn der primäre Bezugspunkt. [...] Außergewöhnlich ist der Stellenwert, den Friedrich den antiken Schriftstellern einräumt sowie die Subtilität und Vielschichtigkeit seiner Auseinandersetzung mit ihnen.“

Im folgenden führte Vogt Spira aus, dass besonders das antike Rom einen zentralen Koordinatenpunkt für den Vorstellungsraum Friedrichs bildete, innerhalb dessen Friedrich denkt und handelt und zwar bereits als Leser: „Denn er ist ein Leser und er weiß auch, sich als solcher zu inszenieren." In Franz Kuglers „Geschichte Friedrich des Großen“ zuerst 1840 erschienen, wird Friedrichs häusliches Leben folgendermaßen beschrieben: „Fort und fort saugt er wie in den Zeiten des jugendlichen Wissensdranges neue lebenskräftige Nahrung aus den Schriftwerken des griechischen und römischen Altertums und aus denen, welche die Heroren der französischen Literatur hinterlassen haben. Sie begeistern ihn immer neu. Mit immer wiederkehrender Liebe erfreut und erwärmt er sich an den Schönheiten, durch die ihm einst das Auge des Geistes geöffnet ward.“

Die Antike war in Friedichs Bibliotheken umfangreich vertreten. "Alle wichtigen Schriftsteller, bis hin zu entlegenen Autoren sind vorhanden. Vorleser Charles Dantal in den Jahren 1784 bis Juli 1786 […] griechische Redner: Polybios, Livius, Tantitus, Sueton, Lukez, Lukian, Lukan, Homer, Ovid, Cornelius Nepos, Velleius Paterkulus, Curtius Rufus." [...] Seine Lektüre während des Siebenjährigen Krieges: "Korrespondenz. Kattsche Tagebücher, Voltaire. Racine, häufigste Gattung ist die Tragödie und unter den antiken Autoren Cicero, Lukrez, Marc Aurel, Lukian etc."

Der klassische Philologe August Böckh unterscheidet drei Gesichtspunkte unter welchen Friedrich die Antike Literatur benutzt habe: "den rhetorisch ästhetischen, den philosophisch sinnlichen und als drittes den geschichtlich politischen mit Einschluss ses Militärischen.“

Das zentrale Interesse Friedrichs gilt der Stoa und dem Epikurismus. Der am stärksten vertretene Autor ist Cicero. Gegenüber Voltaire erwähnte Friedrich, dass er Cicero unendlich liebt. All das hindert ihn nicht den Redner Cicero mit scharfer Kritik zu bedenken, denn er hielt das rhetorische Vermögen, die Richter in den Bann zu ziehen als eine Gefahr für die Wahrheit. Damit stellt er sich gegen einen Grundzug der römischen Kultur.

„Welch ein Missbrauch der Beredsamkeit, wenn man sich ihres Zaubers bedient, um die weisesten Gesetze zu entkräften.“

Die Nachdrücklichkeit, mit der Friedrich auf die Vermittlung der Antike besteht, wird aus der zusammenfassenden Feststellung deutlich:

„Vom Griechischen und Lateinischen geht es in den Schulen durchaus nicht ab. Ebensowenig von der Logik, die das Allervernünftigste sei , müsste doch ein jeder Bauer seine Sache überlegen und wenn er richtig dächte, wäre das gut.“

Für Friedrich ist die Rezeption der Antike durch ihren allgemeinen Nutzen eine Säule der Bildungskonzeption.


Als Dichter bedient sich Friedrich einer ganz geläufigen literarischen Praxis : der Nachahmung antiker Modelle.

Eine wesentliche Reverenz zu Sans Souci ist das Landgut Horaz' das Sabinum, das der römische Dichter als Refugium des wahren und glücklichen Lebens durch seine Werke hindurch ausmalt. „Die Gemeinsamkeit liegt in der Schaffung eines idealen Orts, der in scharfer Antithese dem alltäglichen Getriebe mit seinen Zumutungen und Eitelkeiten entgegengestellt wird."

 

Ein weiterer Verweis: „Von den alten Dichtern ist es Horaz, mit dem Friedrich der Große die meiste Verwandtschaft hat. Viele seiner Gedichte bewegen sich in ähnlichen Richtungen und Formen wie die Horazischen Satiren und Briefe und vertragen es wohl mit diesen verglichen zu werden."


Hoarz' carpe diem ist für Friedrich wegweisend und weist ihn auch auf Epikur. „Friedrich findet ein gewisses Vergnügen, die Rolle des Epikureers zu spielen.“


Friedrichs Herrscherbild ist entscheidend an der Pflicht orientiert. Friedrich hat eine besondere Affinität zu Rom, das den ersten Platz in seinen Äußerungen zur Antike einnimmt. Damit versucht er Modelle für die Gegenwart zu finden zumal für den modernen Staat. „Die Gesetze diese Imperiums sind zum Vorbild für alle besiegten Völker geworden“.

Für die gegenwartsorientierte Nutzung Roms interessierte Friedrich das Schema von Aufstieg und Niedergang und die Wirkung einzelner herausragender Persönlichkeiten. Es wurde schon in der Antike spekuliert, dass auf die Höhe irgendwann ein Niedergang folgen müsse. Außerordentliche Persönlichkeiten haben, so laut Friedrich "großen Einfluss, Aufstieg oder Dekadenz eines Staates zu beschleunigen oder zu verlangsamen."

"Wenn Rom", sagt Friedrich, "als Exempel allgemeiner Gesetzmäßigkeit zu betrachten ist, dann gibt die römische Geschichte ein Instrumentarium an, das sich nicht nur für die eigene gegenwärtige Welt anwenden, sondern auch für Prognosen nutzen lässt. So sieht Friedrich im Geschichtsverlauf Roms und in den gegenwärtigen europäischen Interessen eine vollständige Gleichförmigkeit." So hätten Schweden, Frankreich und Habsburg ihren Gipfelpunkt als Imperien überschritten und seien in die Phase der Dekadenz eingetreten, hingegen Friedrich Preußen als junge aufstrebend Macht ansieht, die ihren Aufstieg noch vor sich habe.

Neben der römischen Geschichte gibt es auch einzelne Persönlichkeiten, die Friedrich Bezugspunkte liefern. An erster Stelle steht Cäsar. 1743 kommentierte Voltaire: „Friedrich sei nach der Überschreitung seines Rubicon [im schlesischen Krieg] glücklicher als sein Vorgänger [Cäsar] nach Pharsalos [die Entscheidungsschlacht im römischen Bürgerkrieg in der Cäsar nur durch taktische Überlegenheit gesiegt hatte.]"

Die Würdigung Cäsars hält jedoch Friedrich nicht davon ab, seine innenpolitischen Maßnahmen zu kritisieren und ihn als illegitimen Usurpator zu betrachten. Auch Montesquieus sieht in Cäsar "den Zerstörer der Republik, was den Niedergang Roms einleitete."

In den literarischen Werken Cäsars hingehen erkennt Friedrich einen Geistesverwandten seines eigenen histografischen Vorhabens. "Denn er befindet sich", so Vogt Spira, "in einer ähnlichen Lage wie Cäsar. Beide haben Kriege und politische Entscheidungen zu legitimieren, die bei all dem Erfolg auf den Bruch von Regeln und Vereinbarungen beruhen."

Vogt Spiras Fazit: "Es dürfte deutlich geworden sein, mit welcher Virtuosität und Kenntnis Friedrich das Altertum als eine komplexen Diskursraum nutze, der in alle Sphären hineinreicht, ebenso stark in die Geschichte wie in die individuelle Lebensführungen. Friedrichs Zugriff auf die Antike ist nicht auf historisierendes Verstehen ausgerichtet, es ist vielmehr ungebrochen von den eigenen Argumentationszwecken und den Bedürfnissen und Einschätzungen der Gegenwart bestimmt. In der Grundhaltung, den Interessenfocus auf die eigene Lebenswelt zu richten und dabei frei von historisierenden Zügen zu sein, steht Friedrichs Antikenrezeption in der Tradition frühneuzeitlicher Adelskultur."