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Ludwig Legge bekennt ganz frei

„Ich bekenne es ganz frei, was ich sonst nicht tue. Ich gebe schon vorher ein Urteil ab: Es ist eines der wichtigsten und gelungensten Bücher der letzten Jahre. Auch die 800 Seiten sollten niemanden abhalten, es zu lesen. Wer bereits begonnen hat, der wird auch nicht mehr aufhören. Es ist sowohl sprachlich als auch inhaltlich etwas Außerordentliches. Das Thema, ganz kurz, es geht um den unglücklichen Hans Herrmann Katte. Katte heißt übrigens Katze. Hans Hermann Katte ist Ihnen allen im Zusammenhang mit Kronprinz Friedrich, dem späteren Friedrich II. bekannt. Denn er wurde, nachdem er mit Friedrich einen Desertationsversuch unternommen hatte, gefasst und in zwei Verfahren zum Tod verurteilt. Übrigens Friedrich Wilhelm, der sogenannte Soldatenkönig, wollte auch seinen eigenen Sohn zum Tode verurteilen lassen. Da hat die Kriegskommission des Gerichts nicht mitgespielt.

Wer war denn nun dieser Hans Herrmann Katte? Ein außerordentlicher Mensch. Das wird in diesem Roman ganz wunderbar entwickelt. Und zwar zunächst durch einen heutigen Menschen, nämlich Philip Stanhope, einen ganz entfernten Nachfahren der Kattes. Ganz schnell ins historische Bewusstsein gerufen. Es war damals der erste König in England aus dem Haus Hannover. Sie wissen, es gab vier Könige aus dem Haus Hannover. Deshalb sind die Hannoveraner auch heute noch mit dem englischen Königshaus verwandt.

Philip Stanhope, selbst eine außerordentliche Erscheinung, will Orte auffinden, an denen Katte war und sich damit der Person Kattes nähern. Der zweite Handlungsstrang ist die Entwicklung der Figur Kattes. Es gibt nicht sehr viele Zeugnisse. Natürlich ist der Prozess genauestens dokumentiert, aber sonst wenige Zeugnisse über Hans Hermann Katte. Also stand er Romancier vor der Aufgabe, diese Figur zu schaffen. […]“

 

Einführende Worte von Michael Roes

„[…] Der Roman wird eingeleitet von einem Fontane-Zitat aus der Wanderung durch die Mark Brandenburg. „Es gibt kaum einen Abschnitt unserer Historie, der öfter behandelt worden wäre, als die Katte Tragödie. Aber so viele Schilderungen mir vorschweben, das Ereignis selbst ist bisher immer nur auf die Person Friedrichs angesehen worden, oder wenigstens vorzugsweise. Und doch ist der eigentliche Mittelpunkt dieser Tragödie nicht Fridrich, sondern Katte. Er ist der Held und er bezahlt die Schuld.“

Was ist da passiert? Dieser Roman ist ein Versuch, Friedrich nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Friedrich taucht zum ersten Mal auf Seite 537 auf. Das heißt Katte lernt ihn relativ spät in seinem Leben kennen. Er ist Gendarm in Berlin, also Leibgardist des Königs in den letzten drei, vier Lebensjahren. Er stirbt mit 26. Die ganze Jugend ist die Vorgeschichte dieser Begegnung und steht im Mittelpunkt. Also Katte steht im Mittelpunkt. Friedrich wird natürlich bedeutsam am Ende. [..]

Das Buch heißt nicht nur Zeithain, weil der Ort Zeithain auch dort vorkommt, sondern weil es einen Zeithorizont eröffnen will über die Figur von Katte aus dieser Wendeperiode Anfang des 18. Jahrhunderts. Es geht über Kattes Begegnungen mit Bach, mit Händel, mit der Kultur dieser Zeit, aber auch mit dem Zeitgeist, dem Konflikt zwischen dem Pietismus und der Frühaufklärung. Alles war in der Schwebe. Und dass die Geschichte dann diese Wendung genommen hat, war nicht in der Geschichte schon angelegt. Da war der Pietismus eine Ausnahmeerscheinung in Preußen. Und dass mit Friedrich dem Großen die preußische Geschichte diese Wende genommen hat, so denke ich, hat unmittelbar mit dieser Katte-Tragödie zu tun. Ohne die Umstände dieser Hinrichtung am Ende, wäre möglicherweise preußische Geschichte anders verlaufen."

"Es genügt doch, dass ich Philip Stanhope aus Chesterfield die Geschichte erzähle, um zu wissen, dass hier nicht Geschichte erzählt wird, sondern ein … ja , was? Eine märkische Passionsgeschichte? Ein preußischer Liebesroman?"


 

 

Enttäuschte Söhne und enttäuschende Väter?
Oder enttäuschte Väter und enttäuschende Söhne?

Nachgedanken zur Lesung

Extreme machen den Normalzustand sichtbar, oder wie es Sigmund Freud sagen würde: die pathologische Störung entschlüsselt die psychische Struktur des „Gesunden“. Krass hier nun das Thema einer Vater-Sohn-Beziehung an oberster Stelle eines Staates und somit Muster und Vorbild der Staatsräson bis in die kleinsten Dorfschulen. Natürlich ging es hier nicht nur um Vater und Sohn, in diesem Fall den Soldatenkönig und Friedrich II., sondern auch um das Drumherum.

Gewissermaßen um die Benzinfässer, damals wohl eher Pulverfässer, die den Streit in ein Inferno verwandelten. Dass der bedingungslose Gehorsam, die ungebrochen väterliche Autorität, (die aber von vorneherein gebrochen ist, sonst wäre sie nicht so erbarmungslos) und der soldatische Drill eine große Rolle gespielt hatten, wird den meisten Betrachtern dieses preußischen Abraham-Isaak-Dramas geläufig sein. Weniger aber die Zündkraft einer religiösen Strömung, die eigentlich zuvor in Preußen nicht zuhause war: die des Pietismus. Militarismus und Pietismus, äußere und innere Dressur, brachten es zu dieser das Individuum zerreißenden Kraft, das sich wie Salpeter und Schwefel, wenn man dem Teufelszeug noch eine Prise Holzkohle zugibt, zum explosiven Schwarzpulver verwandelt.

Nun ja, im Westen oder in Preußen eigentlich nichts Neues: halt ein Vater-Sohn-Konflikt. Selbst im Prag des 20. Jahrhunderts gab es zu diesem Thema ein fast privates, wenn auch ein wenig masochistisches kafkaeskes Nachzittern (vorgezittert hatte aber bereits Kierkegaard), also ein scheinbar fast flimmerndes Nachzittern vor einem Infarkt, das aber zur Metapher für den Konflikt eines ganzen Zeitalters gerann, so wie das Blut der zahllos geopferten Söhne im ersten und zweiten Wertkrieg. Die Söhne leben gefährlich. Manchmal aber auch die Väter. Ist denn nicht die ganze griechische Olymp-Geschichte eine einzige Vatervertreibung? Wenn auch, wie bei Kronos, die Aggression des Vaters gegen den Sohn vorausging, die aber wiederum, in Kenntnis der Vorhersage, dass der Sohn den Vater zu Fall bringen werde, als Verhinderungsmaßnahme des Vaters aufgefasst werden kann. Chronos, wiederum als Sohn, entmannte Uranus.


Das bekannteste Sohnesopfer ist wohl das, aus dem später sich das Christentum kreierte. Später. Ist vielleicht die Kreuzigung von Jesus eher ein ungeplanter Betriebsunfall, ein Lapsus in den Wirren einer wirren Zeit, die aber zumeist wirr ist? Ordnung ist doch nur ein Euphemismus für den geistig chaotischen Dauerzustand der menschlichen Spezies. Das aber die nachträglich kreierte Idee des Sohnesopfers als selbstredender Beweis ausgerechnet für die Güte jenes Vatergottes sei, bedurfte von Anfang an einiger Erklärungskünste. Aber vielleicht war gerade das Unerklärbare der Grund, dass die Idee des Sohnesopfers so im Bewusstsein unzähliger Menschen zündete und über Jahrtausende die höchste und letzte Richtschnur war. Ja, das zeigt, dass da irgendetwas sein muss zwischen den Söhnen und Vätern, dass größte Kraft besitzt, gleichermaßen zum Segen oder Fluch.

Aber selbst Sigmund Freud ist da keinen Schritt weitergekommen. Hat er zwar den säkularisierten Menschen von der Metaphysik und mythischen Schuld befreit, also vom Fall Adams, so lässt er nun den modernen und befreiten Adam über seine Mutter herfallen und in Vatermordgedanken schwelgen. Dem Sohn bleibt halt nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: sich der Autorität zu unterwerfen oder gegen sie zu rebellieren. Der Wiederholungszwang mit jeweils in der Generationsfolge entgegengesetztem Ausgang scheint an der Tagesordnung oder Geschichtsordnung zu sein. Die Menschheitsgeschichte eher eine Akte für Kriminalfälle von Mord und Totschlag als ein Poesiealbum des Ruhms oder eines sichtbar werdenden Geistes? (Hoffentlich kommen außerirdische, höherentwickelte Besucher nicht auf die Idee, die von uns so sorgfältig niedergeschriebene Menschheitsgeschichte dahingehend näher zu studieren.) Aber als recht nahe Nachfahren einer Affenhorde wird es wohl bei uns auch in Zukunft weiterhin recht äffisch zugehen.

Oder die Menschwerdung gelingt vereinzelt doch: in einer gewonnenen männlichen Souveränität der Autorität, der Rebellion und dem Wiederholungszwang gegenüber.

Ob Friedrich II. diese Souveränität als Souverän gelungen ist, (der wohl eher Kriege in selbstmörderischer, weil verzweifelter Absicht, als aus strategischen Gründen geführt und dabei mehr Glück als Verstand hatte), das bedürfte einer gründlichen Untersuchung. Von den weisesten unserer Horde!

Leichter fällt es, einem Unscheinbaren diese Souveränität zuzusprechen: Katte.

Sein Vater hingegen, ganz in der Dressur seiner Zeit, denunzierte seinen eigenen Sohn beim König. Wieder einmal ein Vater, der das Sohnesopfer nicht verdient hat, und auch nicht den letzten Brief seines Sohnes an ihn:

 

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Gebundene Ausgabe: 808 Seiten
Verlag: Schöffling; Auflage: 2 (8. August 2017)
ISBN-13: 978-3895611773
28,00 €

Eines der erschütterndsten Dramen der deutschen Geschichte ereignete sich im 18. Jahrhundert in Zeithain. Es handelt von Friedrich dem Großen, der als junger Kronprinz unter dem Regime seines Vaters unvorstellbar leidet. In seiner Not wendet sich Fritz an seinen einzigen Freund, Hans Hermann von Katte. Er soll ihm helfen, ins Ausland zu fliehen, während sein Vater von der Militärparade in Zeithain abgelenkt ist. Katte, ein Offizier des Königs, gerät in einen tiefen Zwiespalt, doch er kann der Zuspitzung der Ereignisse nicht entrinnen. Als die Pläne auffliegen, ist es Katte, an dem ein Exempel statuiert wird und der Kronprinz muss bei seiner Hinrichtung zusehen. Wer war dieser Katte? Wie konnte er, der selbst mit einem strengen, distanzierten Vater aufwuchs, sich verhalten? Philip Stanhope, ein entfernter Nachfahre, sucht an den Orten von Kattes Leben nach Antworten. Er fühlt sich ein in die Welt des pietistischen Preußen und zeigt, wie stark die Gefühle und Werte der damaligen Zeit uns immer noch prägen. Michael Roes' Roman ist eine gewaltige literarische Recherche und zugleich ein faszinierendes Abenteuer deutscher Geistesgeschichte.
(Verlagsangabe).

Michael Roes, geboren 1960 in Rhede/Westfalen, lebt in Berlin. Mehrjährige Aufenthalte im Jemen, in Israel, Algerien und den USA bilden den Hintergrund für viele seiner Bücher, Essays, Theaterstücke, Radiofeatures und Filme. 1993 erhielt er den Else-Lasker-Schüler-Preis, 1997 den Literaturpreis der Stadt Bremen, 2006 den Alice Salomon Poetik Preis für sein Gesamtwerk. 2012 erreichte er mit seinem Roman DIE LAUTE die Longlist des Deutschen Buchpreises. ZEITHAIN ist sein zwölfter Roman. (Verlagsangabe).

 

Rezension FAZ Online»

 

Pressestimmen

»Wie die Tragödie zum Aufstiegsmythos umgebogen wird, was uns mit der Vergangenheit verbindet, davon handelt Michael Roes' beeindruckender Roman.« --Tim Evers, MDR Kultur

»Ein sorgfältig recherchierter Roman, der über eine tragische Figur, das alte Preußen eindringlich zum Leben erweckt und Traditionslinien aufdeckt, die bis in die Gegenwart nachwirken.« --Mareike Ilsemann, WDR

»Roes erzählt Kattes Lebensgeschichte (...) als wahres Breitwandepos. (...) Wahnsinnig dicht, schön und farbenfroh erzählt. (...) Ein wunderbarer, einprägsamer Roman.« --Jörg Magenau, Deutschlandfunk Kultur

»Ein gewichtiges Buch.« --Süddeutsche Zeitung

»Es geht nicht nur um Aufklärung damals, es geht auch um Aufklärung heute. (...) Ein wunderbar lesbares Buch.« --Mario Scalla, hr2 Kultur

»Roes schreibt über Staatsraison und preußischen Ehrbegriff, über Pietismus und Militarismus und all das, was sich bis heute mit sogenannten preußischen Tugenden verbindet.« --Dresdner Neueste Nachrichten

»Ein grandioses Recherchewerk.« --Michael Ernst, Sächsische Zeitung

»Roes entwirft ein gewaltiges Historien-Gemälde für seine Leser. (...) Seine historische Genauigkeit umfasst die kleinsten Details, seine Einfühlung ist grenzenlos.« --Gabriele Weingartner, Die Rheinpfalz

»Immer wieder gibt es atemberaubende Passagen und unvergessliche Episoden. (...) Wie ein großer Abenteuerroman, der in ferne Länder führt. (...) Ein gewichtiges Buch mit großem erzählerischem Atem.« --Jörg Magenau, Süddeutsche Zeitung.

u.s.w.