Verlag Blaues Schloss Marburg

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Kreuz-WEG-Stationen
Passionszeit mit Bildern von
Hans-Martin Barth

Bildbesprechung:
Prof. Dr. Gerhard, Marcel Martin

Klavier: Landeskirchenmusikdirektor
Uwe Maibaum

Lutherische Kirche St . Marien Marburg,
Mittwoch, 21. 02. 2018

 

“Krasse Farb- und Formgebung.“ „Dicke schwarze Pinselzüge.“ „Nächtlich unterirdisches Blauschwarz.“ „Links eine Uhr mit der Zeigerstellung auf 2.00 Uhr nachts?“

Links - also (wie beim jüngsten Gericht) die Seite der Verlorenen? Dort ein Rollstuhlfahrer mit gekrümmtem Rücken und „ausgestrecktester“ Hand? Wo hin? Zum goldenen Kelch in der Rechten, zur zentralen mittleren Person? Wer? Was? Wo?

Das Wo ist das Bohrendste. Wo ist das? Wo sind wir? Wo ist Gott? Marcel Martin verweist auf Ernst Fuchs, der in seiner „Marburger Hermeneutik“ behauptet: "wichtiger als die Frage: Wer ist Gott sei die Frage: Wo ist Gott?"

Auf dem Bild meint der Betrachter es zu wissen: Da ist er! Oder er ist da! Was ist aber noch da? Gerhard Marcel Martin benennt es, als ob er mit dem Finger darauf zeige: Da! Da! Da! Wie voll von Metaphysik wird auf einmal selbst der Dadaismus!

Und da ist die „Hölle“ als „Präsenz der Abwesenheit von Gott, von Güte, von Sinn.“ Ein „Ort der Gottesferne und der Gottesfinsternis, die Welt Hiobs.“ Hölle „kann mitten unter uns geschehen, in den Lagern und den Folterstätten, in den Elends- und Kriegsgebieten überall – auch direkt in den eigenen Nachbarschaften. „Die Hölle“, so läßt Martin Sartre „sehr innerweltlich“ sagen: „das sind die anderen“. Und Martin gibt zu bedenken: „Menschen können sich jederzeit, sogar jeder sich selbst, die Hölle bereiten.“

Und da ist auf einmal ein gedankliches, mentales Problem, was den Betrachter des Bildes in Zusammenschau mit dem Titel erfasst. Wenn Hölle die Abwesenheit von Gott ist und er auf einmal da ist? Was ist das?

 

Das Was hängt mit dem Wo zusammen

Was bis hier berichtet war, war bereits der zweite Teil von Martins Bildbetrachtung. Der Blick auf die Rückseite der Medaille. Kopf und Zahl! Himmel und Hölle! Begann doch Martin mit der Vorderseite und mit dem Textfragment von Friedrich Hölderlin:

„Und der Himmel wird wie eines Malers Haus,
Wenn seine Gemälde sind aufgestellet.“

„Was für eine Idee!“, emphatisiert der Vortragende. „Der Himmel als Atelierhaus, als Hausatelier eines Malers: das, was er geschaffen hat.“ Und es „Ausgestellet“, es exponieret. Was heißt das?“, fragte Martin, nicht ohne eine Antwort hinzuzufügen.

„Im Französischen gibt es die pointierte Unterscheidung von ‚s’imposer‘ und ‚s’exposer‘: im ersten Fall will ich mich (wörtlich übersetzt) durchsetzen, mich selbst darstellen, imponieren, im zweiten Fall stelle ich mich hin, mache mich erreichbar und damit verletzbar. Ich exponiere mich, ich setze mich aus: dem Publikum, einer Gefahr, dem Licht.“

Eine Antwort, die Martin zur Frage führt: „Wie, wenn Gott der Maler wäre, der am Schluss oder gar schon gegenwärtig, an einem dritten Ort, dem Himmel, seine Werke ausstellte: sein Sechs-Tage-Werk? Und der Mensch wäre nicht der Betrachter von außen, sondern selbst Teil dieser Ausstellung?“

Und da Martin schon beim Menschen war, kam er auf den „Maler Hans-Martin Barth (HMB) und sein Atelierhaus, sein „Himmel“ ist die Marburger Lutherische Pfarrkirche St. Marien. Er und sein Werk wollen wohl kaum imponieren, eher setzen sie sich aus, sind ins Sichtbare, in eine Zusammenschau von Werken von 1985 bis 2017 – eine Spanne von 32 Jahren – getreten.“

 

Wer? Was? Wo? Martin Barth! Seine Bilder! In der Lutherkirche!

„Wenn Gott in diese Ausstellung ginge, sich umschaute und einen Teil seiner Schaffens-, seiner eigenen Lebens- und Todesgeschichte, der jüdischen und christlichen Heils- und Unheilsgschichte gespiegelt, gezeigt, zu Gesicht bekäme? Gewiss, er kennte sich aus in der Ikonographie der Kreuzwege, des Passions- und Ostergeschehen. Um nur ein paar Titel der Ausstellung zu nennen: ‚Gethsemane‘, ‚Kreuz‘ und ‚Kreuzabnahme‘, ‚leeres Grab‘, ‚Emmaus‘ … Aber bei der zweiten Station auf dem Kreuzweg hier (am Eingang an der Wand rechts hinten beginnend) würde er wohl doch erst einmal stutzen, nicht erst wenn er den Titel auf dem Begleitblatt liest (‚Abendmahl in der Hölle‘), sondern bereits bei der Darstellung selbst. Da zeigt sich etwas Außer-Ordentliches. Eine Verfremdung jedenfalls.“ Fragt sich Gott: Wo bin ich hineingeraten?


Gibt es dort einen Selbsterkennungswert für - - - Gott?

Der Bildtitel nennt die „Hölle“ – und heilsgeschichtlich theologisch wären wir, so fuhr Martin fort, bei dem Topos der Höllenfahrt Christi („hinabgestiegen in das Reich des Todes“), ein Bekenntnissatz, der historisch ganz zuletzt in das Glaubensbekenntnis geraten ist, als Antwort auf die Frage: Was ist denn in den vierzig Stunden zwischen Kreuzigung und Auferstehung, am Karsamstag geschehen? Welche Stationen hat Jesus durchschritten auf dem Weg von der Grablegung bis zur Auferstehung, zurück und ganz neu ins Leben hinein? Was tut der, der „die Schlüssel des Todes und des Totenreiches“ hat (Offb 1,18)? In 1Petr 3,19ff; 4,6) ist davon die Rede, dass Christus „den Geistern im Gefängnis gepredigt“ hat, dass „auch den Toten das Evangelium verkündigt wird“ (vgl. Mt 12,40; Apg 2,24ff). Erst das späte apokryphe Nikodemus-Evangelium erzählt dann, wie der Christus als mächtiger König die Pforten der Hölle einreißt und Adam und Eva, die Erzeltern und viele andere aus der Hölle siegend herausführt. Hier ist die Hölle zwar der Herrschaftsbereich des Hades, des Fürsten der Unterwelt, aber noch nicht der Straf- und Feuerort, der Ort endgültiger Verdammung und Gottesferne. Spirituell markant ist, dass die Ostkirche dieses Geschehen der Höllenfahrt Christi und der Befreiung der dort Eingeschlossenen als „anastasis“, als Aufstieg, als Auferstehung bezeichnet und auf ihren Festikonen zu Ostern keine andere Szene zeigt. Das ist „Auferstehung“: der Weg durch den Tiefpunkt, den Todesort, das Dunkel, die Gottesferne hindurch. Paul Gerhardt dichtet in der Mit- und Nachfolge Christi: „ … wo mein Haupt durch ist gangen / da nimmt er mich auch mit. / Er reißet durch den Tod, / durch Welt, durch Sünd, durch Not, / er reißet durch die Höll, / ich bin stets sein Gesell.“ (EG 112, 3)

Also sind wir auf Hans Martin Barths Bild doch nicht in der frömmigkeitsgeschichtlich und ikonographisch vorgesehenen korrekten Hölle? Zumal es nach meiner Kenntnis tatsächlich keine Erzählung oder Darstellung gibt, nach der der Christus in der Hölle Abendmahl gefeiert hat. Aber ist damit die Sache erledigt: eine krasse und kühne Idee, das interessanteste Exponat der Ausstellung, aber leicht abwegig? Keineswegs. „Hölle“ ist die Bezeichnung eines Ortes weit über klassische religiöse Vorstellungen hinaus, unter ihnen hinweg, an ihnen seitlich vorbei.“

Und so kommt der Durchgang durch die Vorderseite der Münze, die harte Münze, nun ein durchlässiges Tor zur Rückseite, zur Kehrseite der Medaille, die des Eintritts vom Licht in den Schatten.

Aber Gott stellt nun seine Bilder in der Hölle aus und schließt damit den Kreis, den die Verlorenen den "Teufelskreis“ nennen mögen, die aber, die noch hoffen dürfen, weil in ihnen noch nicht der Liebesfunken verloschen ist, nennen ihn den "Kosmos".


Für den besonders gründlichen Leser hier der volle Text von Gerhard Marcel Martin



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