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Von Authentizität bis Zuverlässigkeit

Können antike Wertbegriffe
die gegenwärtige Werte-Diskussion bereichern?

Vortrag von Rainer Nickel

Sonntag, 18. 02. 2018, Uni im Café im Café Vetter Marburg

 

Begrüßungsworte von Ludwig Legge

„Meine sehr geehrten Damen und Herren, unser heutiger Referent Rainer Nickel ist Marburg besonders verbunden durch sein Studium hier und an der Freien Universität Berlin, wo er Klassische Philologie studiert hat und er auch dort 1970 promovierte und dann wissenschaftlicher Assistent war. Seine erste Stelle als Lehrer war im berühmten Gymnasium zum Grauen Kloster. Dann kam ein Lehrauftrag an der technischen Universität und anschließend verschiedene Stellen in der Lehrerfortbildung. 1995 wurde er Schulleiter am Max-Planck-Gymnasium in Göttingen und nach seiner Pensionierung 2005 bekam er wieder einen Lehrauftrag an der Universität in Marburg. Es liegen von ihm zahlreiche Veröffentlichungen u.a. zur Didaktik des altsprachlichen Unterrichts vor. Zudem hat er Lexika herausgegeben zur Antike und zahlreiche Übersetzungen sind ihm zu verdanken.

Also zunächst einmal denken viele Leute - und das stimmt ja leider auch - dass es um die klassische Bildung, also im Unterricht Griechisch und Latein an unseren Gymnasien, nicht zum Besten bestellt ist, wenn sie überhaupt noch stattfindet, und die Altphilologie hat sich ja in der Zwischenzeit zu einem jener Orchideenfächer gemausert. Aber, meine Damen und Herren, das ist ein sehr oberflächlicher Blick. Selbstverständlich ist unsere ganze heutige Kultur nach wie vor von der griechisch-römischen Antike bestimmt. Insofern ist es eben doch kein akademisches Thema, wenn man über antike Werte heute etwas hört.“

 

 


 

Vorwort von Rainer Nickel

"Um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen, möchte ich vorausschicken, dass das Thema keine Werbung für „absolut gültige, überzeitliche Werte“ ist. Die Wertbegriffe, von denen die Rede sein soll, sind zeit- und standortgebunden. Sie sind historisch bedingt und stehen in Wechselwirkung zu den politischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen ihrer Zeit. Sie können also von vorherein keinen Anspruch darauf erheben, außerhalb ihres historischen Raumes vorbildlich oder verpflichtend zu sein. Dennoch verfügen sie über ein erhebliches Anregungspotential.

Die Diskrepanz zwischen der plakativen Verwendung von Wertbegriffen und der Lebenswirklichkeit wird häufig beklagt. Ohne Zweifel sind Wertbegriffe manchmal zu Schlagwörtern abgesunken oder bewusst missbraucht worden.1 Man wollte unter Berufung darauf persönliche Interessen durchsetzen, politische Ziele erreichen oder Verbrechen legitimieren.2

Selbst wenn man die Bedeutungslosigkeit antiker Wertvorstellungen für Gegenwart und Zukunft annähme, müsste man sich einer bis heute nicht hinreichend geklärten Frage stellen: Wie entstehen überhaupt Wertvorstellungen und Wertbegriffe und wie werden sie begründet

Im Folgenden werde ich mich auf zwei Wertvorstellungen ‒ Authentizität und Zuverlässigkeit ‒ konzentrieren, an denen man seit Homer Denken und Handeln gemessen hat, und zu veranschaulichen versuchen, dass es auch heute noch sinnvoll erscheint, authentisch und zuverlässig sein zu wollen."

 

„Du redest anders, als du in Wirklichkeit lebst“

Schon Cicero, so Nickel, verwendet das griechische Wort „authentisch“, um zu bekräftigen, dass eine Nachricht „wahr, zutreffend und zuverlässig“ ist. Authentisch ist des Weiteren, wenn das (gute also wahre) Wort mit der (guten) Tat übereinstimmt, also kongruent sind (Seneca, De vita beata 18, 1): „Du redest anders, als du in Wirklichkeit lebst“ (aliter loqueris, aliter vivis). Denn, so Seneca, auf das Handeln, nicht auf das Reden komme es an.

Man solle aber nicht vergessen, so Nickel, dass das Verlangen nach Übereinstimmung zwischen Worten und Taten ein utopisches Verlangen sei, das das Leiden an einer als ungenügend empfundenen Wirklichkeit zum Ausdruck bringe.

Im Klartext, dass es sich eher um das Wünschenswerte handelt, als dass es den Tatsachen des alltäglichen Lebens entspricht. Ja, genau betrachtet, entstehe erst mit dem Verlust ihrer Selbstverständlichkeit und aus der Erfahrung mit den negativen Auswirkungen von Verrat, Lüge Täuschung, Fälschung, Betrug, Hinterlist das Bedürfnis nach Ehrlichkeit, Wahrheit, Zuverlässigkeit usw. Am einschlägigen Beispiel ließ es Nickel nicht mangeln:

„Da alle gleichermaßen korrupt waren, wurden die Männer nicht aufgrund ihrer Verdienste um den Staat ‚gute‘ und ‚schlechte Bürger‘ genannt, sondern aufgrund ihres Reichtums und ihrer kriminellen Energie, mit der sie die gegenwärtigen Verhältnisse und ihre Interessen verteidigten“ (bonique et mali cives appellati non ob merita in rem publicam, omnibus pariter corruptis, sed uti quisque locupletissimus et iniuria validior, quia praesentia defendebat, pro bono ducebatur, Sallust, Historien 1, 12 M.).


Selbst die Philosophie scheint nicht die Insel der Seligen zu bleiben,
wenn sie nur eine Insel des Redens und des Beweisens bleibt ...

... und solange der Philosoph gegen seine eigenen Beweise, nicht danach handelt.

„Der erste und notwendigste Bereich der Philosophie ist die Anwendung ihrer Lehren, wie zum Beispiel, nicht zu lügen. Der zweite handelt von den Beweisen: Hier geht es zum Beispiel um die Frage, aus welchem Grund man nicht lügen darf. Der dritte bezieht sich auf die Begründung und Gliederung dieser Beweise; dabei wird zum Beispiel gefragt: Wie kommt es, dass dies ein Beweis ist? Wodurch ist es denn ein Beweis? Was ist eine logische Folgerung? Was ist ein Widerspruch? Was ist wahr? Was ist falsch? Der dritte Bereich ist notwendig wegen des zweiten und der zweite wegen des ersten. Der wichtigste aber, mit dem man sich vor allem befassen soll, ist der erste. Wir machen es aber genau umgekehrt. Denn wir verbringen unsere Zeit mit dem dritten Bereich, und ihm gilt unser ganzer Eifer. Den ersten aber vernachlässigen wir völlig. Deshalb lügen wir. Wie man aber beweist, dass man nicht lügen darf, ist uns vertraut“ (Encheiridion).

 

Die Exempla waren es, die dem antiken Menschen
das Gute und das Anständige vor Augen führten

Sie zeigten das Wünschenswerte und Erstrebenswerte und brachten das Leiden an der Realität zum Ausdruck.

Aber warum werde überhaupt an der Abwesenheit des Guten und Anständigen gelitten? Platon lässt den Sophisten Protagoras erzählen, dass Hermes allen Menschen im Auftrag des Zeus sowohl „Selbstachtung und prospektives Schamgefühl“ als auch „soziale Kompetenz“ schickte. Damit wollte er auch erreichen, „dass sie sich gegenseitig nicht vernichteten und in den Städten „Ordnungen“ und „gegenseitige Verpflichtungen“ entstünden, die die Menschen „in Freundschaft vereinigten.“

Die Verletzung der innewohnenden Selbstachtung und das prospektive Schamgefühl sei also die Ursache, warum die Menschen an Lug und Betrug leiden. Obwohl manchmal die Vermutung hochkommen möge, das manche so willentlich am Lügen und Betrügen hängen, so als ob in ihnen Selbstachtung und das prospektive Schamgefühl gar nicht vorhanden seien.

Im Gyges-Exemplum greift Cicero (Off. 3, 38-39) dieses Thema erneut auf: Weil sich Gyges mithilfe des Ringes unsichtbar machen kann, begeht er unerkannt jede Untat, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Der Ring wirkt und setzt jede soziale Kontrolle außer Kraft.

Hermes, ein Kind tragend.
"L'Ermes di Prassitele ad Olimpia". Roccuz 2006

 

Nichts kann nützlich sein, was nicht ehrenhaft ist

Cicero (De officiis 3, 85-87) verwendet das Fabricius-Exemplum, um zu verdeutlichen, dass Handlungen, die besonders nützlich zu sein scheinen, in Wirklichkeit gar nicht nützlich sind, weil sie erfüllt sind von Schimpf und Schande (plena sunt dedecoris ac turpitudinis). Denn nichts kann nützlich sein, was nicht ehrenhaft ist.
Im Krieg gegen den König Pyrrhos lehnte Fabricius das Angebot eines Überläufers, Pyrrhos zu vergiften, ab, und er wurde vom Senat für seine Handlungsweise gelobt. Denn nach römischem Selbstverständnis, so Nickel, beruhte die Größe Roms nicht allein auf der Fähigkeit, Macht zu errichten, dauerhaft auszuüben und zu erhalten. Die römische Überlegenheit hatte ihre eigentliche Ursache in den von überlieferten Wertbegriffen, den mores maiorum, bestimmten Formen der Machtausübung und Krisenbewältigung.1

 

Die Zuverlässigkeit war eine weitere Säule
im römischen Werteverständnis

Die fides war „die Treue zum gegebenen Wort, zum abgelegten Eid, zum abgeschlossenen Vertrag, zu jeder Art von Vereinbarung und Verpflichtung. Sie hat ihren Namen daher, sagt Cicero (Rep. 4, 7), dass das, was gesagt wird, auch geschieht: fides nomen ipsum mihi videtur habere, cum fit, quod dicitur.

 

Reaktionen aus dem Publikum

Es schloss sich ein angeregter Austausch mit dem Publikum an, der ein Licht auf die Komplexität der Themen warf. So wurde gefragt, inwieweit die Verbindlichkeit für die Werte nur eine Elite betraf oder die größere Bevölkerung?
Das richtige Verstehen des Begriffes Authentizität war das zentrale Anliegen der weiteren Wortmeldungen. Zum Beispiel, dass die alleinige Kongruenz von Sagen und Tun nicht unbedingt tugendhaft sein müsse. So könne auch ein Verbrecher, der das tut, was er gesagt hat, „authentisch“ sein. Sicherlich nicht, entgegnete Nickel, da das Sagen oder Tun ja nicht ein beliebiges Sagen und Tun sei, sondern dass das Gute im Gesagten, dann auch das Gute im Getanen folge.

Ob eine Zusage bedingungslos einzuhalten sei, war ein weiterer Gesprächspunkt. Zum Beispiel könne jemand, der einem anderen sein Schwert gebe, von diesem die Zusage erhalten, es wieder zurückzubekommen. Nun werde aber der Besitzer des Schwertes in der Zwischenzeit wahnsinnig, und verlange in diesem Zustand, dass er sein Schwert zurückbekomme. Dann sei der Verwahrer des Schwertes, um eine Gefahr abzuwenden, von seiner Zusage entbunden. Damit ist nur ein Ausschnitt der angeregten Diskussion wiedergegeben.


 

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Uni im Café 20
Nickel, Rainer
Das einfache Leben
Diogenes in der Tonne
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8 s/w Seiten, 2 Farbabbildungen
ISBN 978-3-943556-63-6
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Uni im Café 22
Rainer Nickel
Von Authentizität
bis Zuverlässigkeit

Können antike Wertbegriffe
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Homer und Wir Reihe Uni im Café 3
Schmitt, Arbogast
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Uni im Café 21
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