Verlag Blaues Schloss Marburg

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5 Jahre Verlag Blaues Schloss

"Wie die Schweizer Geheimpolizei die Welt vor dem Schlimmsten rettete“
und "Der Uhrmacher Kairos",

Karl-Heinz Symon
gelesen von Stefan Gille
So, 09. Juli, 11 Uhr, Café Vetter


 

 


Foto von Karl-Heinz Schumacher

Stefan Gille also, der Zauberer der großen Erlebnisse, las eine Satire des Marburger Verlegers K. H. Symon über Panizzas abenteuerliche Einladung im Jahre 1897 in die Schweizer Geheimdienstzentrale unter der Rütliwiese, die den ungewöhnlichen Psychiater als Berater bei ihren emsig-präzisen Aktivitäten, die Welt vor dem schlimmsten zu retten, zu gewinnen versucht. zum Film»


"Ich träumte also von der heiligsten grünen Schweizer Wiese. In dieser hat der Schweizer sein Herz begraben. Aber warum sollte man nicht von der Rütli-Wiese träumen? Also ein wenig mehr Präzision, bitte. Ganz oberhalb der Wiese war ein Kanaldeckel. Unterhalb dieses Deckels, das war der Grund seiner Existenz, lag die Öffnung zu einem ausgeklügelten unterirdischen Labyrinth, das in die Tiefe des Berges führte: die unglaublich gut versteckte Öffnung zur Zentrale der Schweizer Geheimpolizei. …"

"... Mein Vortrag war selbst für die höchsten Schweizer Reprä-sentanten so erhellend, dass schließlich der Bundespräsident persönlich an meine Seite trat und mir bei einem Gang durch die zahlreichen Gänge anvertraute, dass sich durch die ganze Schweiz ein Netz von unterirdischen Gängen ziehe, welches alle wesentlichen Punkte, vor allem die Standorte der Schweizer Bank, miteinander verbinde, sodass im Notfall, im Falle eines Überfalls auf das Land, unbemerkt und zügig der kostbare Inhalt ihrer Tresore mit all dem Gold, Geld, den Wertpapieren und Vermögen zum zentralen Ort im St. Gotthard in Sicherheit gebracht werden könne, der vor einiger Zeit extra zu diesem Zweck ausgehöhlt worden sei.
Zudem sei unter der unscheinbaren Oberfläche des Vierwaldstätter Sees tief unter seinem Wasserspiegel eine unterirdische Stadt angelegt worden, in der kurzfristig ein Großteil der Schweizer einen Angriff auf ihr heiß geliebtes Land überleben könnten.
Und für den schlimmsten Fall des Falles jedoch, ja, so freiheitsliebend sei der Schweizer, würde man der Unterjochung unter eine fremde Macht den freien Tod vorziehen.
Selbst dafür sei Vorsorge getroffen.
Zu diesem Zweck befände sich im Vierwaldstätter See an seiner tiefsten Stelle ein Stöpsel, der dann von ihm höchst persönlich in dieser Stunde der Wahrheit mittels eines Bandes, das rechts über seinem Bett hänge, gezogen werde, sodass die Wassermassen des Sees das ganze unterirdische Labyrinth binnen kürzester Zeit überfluteten..."

Nach einem musikalischen Intermezzo von Justus Noll las Stefan Gille die zweite Geschichte über einen Uhrmacher besonderer Art:

 

"Ich bin Kairós, der Uhrmacher. Das Uhrengeschäft habe ich von meinem Vater übernommen. Und der hat es von seinem Vater übernommen, der es wiederum von dem seinigen Vater übernommen hat – und immer so fort. Wenn ich mir dieses „und immer so fort“ recht überlege, könnte ich auch sagen: Dieses Uhrengeschäft hat es schon immer gegeben, solange es diese Stadt gibt und Uhren.“

Wen wundert es, dass die Uhren nicht weniger „speziell“ sind:

„Eine Sonnenuhr im Garten, der zum Geschäft gehört, warf zum Beispiel schon ihren dunklen unheilschwangeren Strich in einen alten Garten in Jerusalem. Und der Strich zitterte noch nicht einmal, als der Tempel zum zweiten Mal zerstört wurde. Danach stand diese Uhr in den Gärten von Königshäusern, bis es eben keine nennenswerten Königshäuser mehr gab. Eine andere Uhr mit kräftigem Zahnradgetriebe war im Besitz der alten Familie de Medici gewesen und nur einmal stehengeblieben vor Schreck, als die Seele von Lorenzo de Medici in den Orkus fuhr. Seitdem aber läuft sie unermüdlich und pünktlich, ja, fast so pünktlich wie jene schlichte Uhr aus Königsberg, dessen Besitzer wiederum so pünktlich war, dass die Uhr nach ihm gestellt wurde ...“

 

Und ziemlich pünktlich läutete zum Abschluss der Veranstaltung die eindringlich-selbstbewusste Turmglocke der alten Universität, damit alles in Zeit und Raum seine Ordnung habe. Selbst wenn das nicht immer der Fall sein mag. Aber in Marburg zumindest fast immer.

 

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Symon, K. H.
Wie die Schweizer Geheimpolizei
die Welt vor dem Schlimmsten rettete

Eine Auswahl von Erzählungen und Briefen
Sonderdruck
Kartoniert: 108 Seiten, 6 Farbseiten
ISBN 978-3-943556-66-7
Preis: 10.90 €

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Zum Buch:

"Ich träumte also von der heiligsten grünen Schweizer Wiese. In dieser hat der Schweizer sein Herz begraben. Aber warum sollte man nicht von der Rütli-Wiese träumen? Also ein wenig mehr Präzision, bitte. Ganz oberhalb der Wiese war ein Kanaldeckel. Unterhalb dieses Deckels, das war der Grund seiner Existenz, lag die Öffnung zu einem ausgeklügelten unterirdischen Labyrinth, das in die Tiefe des Berges führte: die unglaublich gut versteckte Öffnung zur Zentrale der Schweizer Geheimpolizei."
(Wie die Schweizer Geheimpolizei die Welt vor dem Schlimmsten rettete)

 

"Über mangelnde Zeit also kann ich mich nicht beklagen. Und wenn man Zeit hat, dann fängt man an, nachzudenken. Ja, mich erheitert der Gedanke, dass mancher durch Kurzlebigkeit geplagte Mensch das nahezu beneidenswert finden möge. Wie hetzt gar mancher durchs Leben, um in den jämmerlichen sieben Jahrzehnten eine Einsicht, ein Verständnis seines Daseins zu erhaschen. Gar mancher treibt sein geistiges Lebenswerk voran wie ein gejagtes Tier, dem die Hundemeute Plutos auf den Fersen ist, gefolgt von den reißenden Untieren des Thanatos. Gar mancher bricht vor seinem unvollendeten Werk unvollendet zusammen. Nie klingt symphonisch die Siebte vollendet an sein Ohr."

(Scholem Weilig)

 

"Ich hatte zum Beispiel eine recht kuriose Uhr, die den Augenblick anzeigte. Eine Extravaganz eines Uhrmachers aus dem 15. Jahrhundert. Diese Uhr kam auf den Index verbotener Gegenstände der katholischen Kirche und wurde seitdem von einer Geheimgesellschaft aufbewahrt, bis die Uhr schließlich hierher gelangte, weil die Kirche nichts mehr zu sagen und somit zu verfolgen hatte. Diese Uhr nun, aus Gold und Lapislazuli, schmückte ein göttliches Auge. Das war der Rhythmus der Uhr: das sich hebende und senkende Augenlid, das den Augenblick, ewig wiederholend, sich heben und senken ließ. Das Blasphemische war nicht das Sehen, sondern eher der Moment des Nichtsehens."

(Der Uhrmacher Kairós)

 

"Erschrocken über seinen gegenwärtigen Zustand fragt sich Lord Chandos, ob wirklich er es war, der mit neunzehn Jahren jenen „Neuen Paris“, jenen „Traum der Daphne“, jenes „Epitha­lamium“ hin­schrieb, im überschäumenden Prunk der Worte, ob er es wohl war, der sich mit dreiundzwanzig Jahren unter den steinernen Bögen des großen Platzes von Venedig in seinem In­nern an jenem Gefüge lateini­scher Perioden mehr entflammte als an den aus dem Meer sich erhebenden Bauten des Palladio und Sansovin? Wie war ihm, nur wenige Jahre später, alles fremd, fern und kalt geworden."

Zur Erinnerung an Lord Chandos

 

"Ich hörte von einem Gott – der Name … einen Moment bitte … ist mir entfallen –, der von seiner Taube hörte, die wiederum … Sie hören, sehen oder lesen, … ich kann mich in solche Dinge recht schwer hineindenken, jedenfalls wurde mir von Geschehnissen berichtet, aus der Vergangenheit, Gegenwart oder etwa Zukunft? Schwer fällt es mir, das Umdenken in die Zeit. Ich mache es nur, um Ihnen zu schreiben … und Chronos zuliebe!"

(Briefe aus dem Diesseits an den Herrn Professor der Theologie)


 

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