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Dr. Dr. Joachim Kahl:
Wilhelm Busch „Diogenes in der Tonne“
oder die Verschränkung von Zufall und Notwenigkeit

Lesung im "Jakobi". Mi., 16. 05. 2018 18.00

Wilhelm Busch fühlte sich mit der historischen Figur Diogenes, selbst wenn sie legendär übermalt war, persönlich verwandt. "Eine kauzige Figur, die Wilhelm Busch in seinem Leben auch war und die er gerne dargestellt hat." Diogenes ist ein Kyniker. Es wäre abwegig zu sagen, Diogenes sei ein Zyniker gewesen. Der Hund war ein Sinnbild einer Lebensweise, was die Natürlichkeit und Unbedachtheit des Lebenswandels angeht. Die naturnahe Lebensweise zeichnet sich dadurch aus, dass er barfuß ist, unrasiert und in einer Tonne wohnt. "Kynismus heißt, man fällt hinter die Errungenschaften der Zivilisation zurück im Sinn einer naturnahen Lebensweise."

Diogenes Tonne hat bei Wilhelm Busch zwei Nägel, die ganz wichtig sind, weil sie den Zufall verkörpern. Und diese beiden Nägel werden den beiden bösen Buben zum Verhängnis. Ein Bube hat eine Jakobinermütze auf, womit eine Kritik am Jakobinertum versteckt ist, das auch durch seine überspannten Forderungen sich selbst sein Gab geschaufelt hat, was die philosophische Schlussfolgerung beinhaltet, dass sich die böse Tat nicht auszahlt.

 

 

 

 

 

 

Die beiden Buben steigern, so Kahl, ihren Schabernack in drei Schritten. Erst klopfen sie, dann spritzen sie mit der Wasserspritze hinein und schließlich schieben sie die Tonne an. "Das ist ein Vorgang von Dialektik, dass eine quantitative Steigerung an einem bestimmten Punkt zu einem qualitativen Umschlag führt." Nämlich der Schaden, den die beiden Diogenes zufügen wollen, wendet sich gegen sie selbst. Von einer „Grausamkeit der Strafe“ bei Wilhelm Busch zu sprechen, trifft die Sache nicht, so der Philospoh Kahl, "weil sie so grotesk überzeichnet ist, das sie in der Realität unglaubwürdig ist."

 

Die zwei krummen Nägel als die Verkörperung des Zufalls, in Sinne von Wilhelm Busch, der ein Anhänger von Arthur Schopenhauer ist, aber zugleich auch Hegel und seine Dialektik kannte, verschränkte hier Zufall und Notwendigkeit , dass im Sinne einer weltimmanenten Straflogik diese Untat der beiden bösen Buben bestraft wird. "Sie setzten also eine Dynamik in Gang, die sich selbst gar nicht beabsichtigt hatte, haben also die eigene immanente Logik der Handlung nicht durchschaut."


 

Die Botschaft von Wilhelm Busch ist, so Kahl, dass die richtige Ethik eine Verantwortungsethik sei. Es komme darauf an, was man real anrichtet. Bedenke, so auch im Sinne von Arthur Schopenhauer, alle möglichen Nebenwirkungen. "Denn in jedem menschlichen Handeln steckt mehr als das Subjekt wählt, was es sich individuell vornimmt. Das kann man mit einem hegelianischen Begriff nennen: die List der Vernunft. Damit ist gemeint, dass beim menschlichen Handeln oft etwas anderes herauskommt als intendiert ist. Das hat Adam Smith auch die unsichtbare Hand genannt, eine Verschränkung der Logik und der inneren Handlungsfaktoren oder Nicht-Handlungsfaktoren, die dann ein anderes Ergebnis zeigen als die handelnden Subjekte sich eingebildet haben."

Gut gemeint ist nicht gut getan. Philosophisch gesprochen tauchen "in unserem Leben ständig Kontingente auf, Zufälligkeiten, die oft übersehen werden. Und diese sind dann oft das Vehikel einer notwendigen Handlungsfolge, die hier genial von Busch in einer rollenden Tonne dargestellt wird." Die Tonne überrollt alles. Wir bringen etwas ins Rollen, was wir umgangssprachlich als Eigendynamik bezeichnen.

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Kahl, Joachim
Benedikt Spinoza (1632 – 1677)
Philosoph von Weltrang
und Türöffner der europäischen Aufklärung

Kartoniert, 48 Seiten, 6 Farbabbildungen,
ISBN 978-3-943556- 46-9
Preis 8,75 €

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